leider keine vorhanden
601 Kilometer Nonstop
von Manfred Kirchner
Noch 192 Kilometer bis nach Stralsund. Es ist schon fast
dunkel als wir kurz hinter Oranienburg dieses Schild im Dämmerlicht des zu Ende
gehenden Tages im Vorbeisausen noch sehen. Es traut sich kaum einer
hinzublicken. Wir sind beim längsten Radmarathon der Nonstop in Deutschland
ausgetragen wird. Es ist das Rennen vom Fichtelberg zum Kap Arkona („Fichkona“),
zu dem weit entferntem Ostseestrand der Insel Rügen, die nördlichste Spitze der
Neuen Länder.
Der Start erfolgte 11.00 Uhr auf dem 1214m hohen Fichtelberg. Der Fichtelberg
ist zugleich höchster und südlichster Punkt der ehemaligen DDR. Unser Ziel soll
der Leuchtturm am Kap Arkona auf Rügen sein. Einige der Radrennteilnehmer
witzeln beim rasanten Start vom Fichtelberg herunter nach Oberwiesenthal über
die weite Fahrt zum Baden an die Ostsee. Das Ziel ist unvorstellbar weit
entfernt. Keiner, ja fast keiner kann sich die vor uns liegenden Strapazen auf
der langen Strecke bis zum Kap Arkona vorstellen. Am Morgen des nächsten Tages
bei Sonnenaufgang werden wir am Kap Arkona anschlagen. Es ist ein von Olaf Schau
gegründetes total verrücktes Unternehmen, das zum sechsten Mal ausgefahren wird.
Mit dabei sind von der Königsteiner
Volleyball Gemeinschaft Holger und Thomas
Wegner, Ivo Ullmann, Michael Weidemann, Sven König, Bernd Flechsig und Manfred
Kirchner.
Die Startvorbereitungen auf dem Fichtelberg bei herrlichem ruhigen Sommerwetter
sind beeindruckend. Es kribbelt leicht in der Magengegend, alle freuen sich mit
dabei sein zu dürfen.
Die Belegschaft des Fichtelberghauses spendiert eine Kartoffelsuppe, dabei
stellt Olaf Schau alle Teilnehmer vor. Pünktlich 11.00 Uhr sausen 120 Fahrer vom
Fichtelberg den Berg hinab und durch den Ort Oberwiesenthal hindurch, der für
uns extra gesperrt wurde. Viel Beifall und gute Wünsche erleben wir auf den
begonnenen anfänglichen Kilometern.
Nach 30 Kilometer hat Micha Reifenschaden. Mit der Unterstützung von Bernd,
Holger, Ivo und Sven gelingt es doch noch an die Gruppe anzuschließen. Die
Begleitfahrzeuginsassen hatten das Unternehmen schon aufgegeben.
Nach 3 Stunden Fahrt rasten wir das erste Mal bei Rochlitz zum Essen und Trinken
fassen.
Ein Sportfreund neben mir handyt nach Hause, dass bei diesem bisherigen
fürchterlichem Tempo von ca. 35km/h wohl kaum alle am Kap ankommen werden.
Nach dieser Rast fährt die erste Gruppe getrennt los. Wir Königsteiner
fahren
alle in der zweiten Gruppe die bis zur Rast in der Dübener Heide nur 5 Minuten
hinter der ersten immer im gleichen Abstand fährt. In Bad Düben fällt vielen das
Essen schwerer, die Beine schmerzen und das Sitzen ist auch nicht so sehr gut.
Die Tageshitze in den Wäldern weiter nach Potsdam wirkt erträglicher. Das
Gelände ist leicht wellig, wir rollen ausgeglichen dahin.
Ab Bad Düben fährt eine Tempogruppe mit ca. 15 Mann zum Zweck eines
Streckenrekordes los. Diese Gruppe sehen wir erst am Kap Arkona wieder. Nach 19
Stunden 45 Minuten haben diese tollen Fahrer ihr Ziel erreicht.
In Michendorf bei Potsdam wird eine größere Gruppe aufgehalten, vereinigt (1.
und 2. Hauptgruppe) und mit Polizeieskorte durch Potsdam geleitet. Thomas kommt
mit zu uns. Michael und Sven wollen die Pause nutzen um Essen und Trinken zu
können. Hinter Nauen und Oranienburg holt uns die Nacht ein.
Bei kurzen Stopps werden Lampen und warme Sachen für die nun folgende eintönige
Nachtfahrt aus den Begleitfahrzeugen geholt. Da es Gruppenüberschneidungen und
Begleitfahrzeugstau gibt, müssen manche Sportler ohne Licht oder ohne wärmende
Bekleidung weiter kämpfen.
Vor Neubrandenburg kann Holger – aufgrund eines technischen Defekts - sein Rad
nicht mehr lenken. Von einem ausgefallenen Sportler bekommt er ein Ersatzrad.
Bernd hat an gleicher Stelle einen Reifenschaden.
Die Verpflegungsleute geben Malzbier aus, dies bringt etwas Abwechslung und
Kraft in die ermüdeten Körper. Zur Rast in Greifswald wird zum Nachtfrühstück
Haferschleim gereicht, damit ist der weitere Weg gesichert. Über das holperige
Altstadtpflaster geht es über die Fernverkehrsstraße nach Stralsund. Auf diesem
Abschnitt läuft ein müdes Tempo bis uns auf dem Rügendamm nach Stralsund ein
steifer Wind von vorn erwischt, der uns bis Samtens beschäftigte und die
Konzentration auf die Reserven fordert.
Nach der Verpflegung in Samtens ist Bernd schnell mit der Gruppe weg. Ivo hat
kurz darauf einen Speichendefekt. Wir versuchen gemeinsam bei Ivos Hinterrad
etwas Linderung mit umspannen und Bremsenöffnung zu schaffen, damit kommt er bis
zum Kap.
Die Fahrt vorbei an den Badeorten Rügens bringt uns unserem Ziel nun sichtlich
nahe. Die letzten Hügel und das Pflaster bei Sagard ( 2 Kilometer) lassen wir
hinter uns. Danach sausen wir am nahen Badestrand der Schaabe bis Juliusruh
vorbei nach Altenkirchen.
Unseren Leuchtturm am Kap Arkona haben wir schon längere Zeit im Auge. Dort
liegt das Ziel unserer Träume.
In Putgarten fahren wir am Kap Arkona Touristenzug vorbei. Nun wird es bald
Wirklichkeit, das Kap liegt zum Greifen nahe. Ein leichter Anstieg zum Kap
erfordert die letzten Kräfte bevor uns Janine, Robert, unsere Begleiter und all
die schnelleren Sportfreunde nach 22 Stunden und 45 Minuten Fahrt freudig
begrüßen können.
Der Gang über die Treppe zum Strand, das Bier unter dem Sonnenschirm und das Bad
im recht kühlen Ostseewasser lässt uns nun endlich begreifen, wir haben es
geschafft.